Nachfolgend die komplette Rede von
Kultusministerin Dr. Claudia Schmied (SPÖ) anläßlich der Feier zum 25. Jahrestag der staatlichen Anerkennung des Buddhismus in Österreich vom 23. Februar 2008 im O-Ton:
Grußworte zur Feier anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der staatlichen Anerkennung
Sehr geehrter Herr Präsident,
werte Mitglieder der Buddhistischen Religionsgesellschaft,
zu ihrem Jubiläum "25 Jahre staatliche Anerkennung in Österreich" gratuliere ich Ihnen herzlich. In meiner Funktion als Kultusministerin danke ich Ihnen für die von ihnen geleistete Arbeit - im Inneren, vor allem aber nach Aussen!
Österreich hat ein wohl einmaliges Modell des Zusammenwirkens der Kirchen und Religionsgesellschaften mit dem Staat.
Es ist kein Modell der Trennung nach dem Motto "Jeder macht was er will" sondern mehr eine Art Symbiose. Ein Zusammenwirken, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe der Teile. Dies erfordert von allen Seiten neben Verständnis vor allem gegenseitigen Respekt, Achtung und Wertschätzung.
Die Aufgabe der staatlichen Kultusverwaltung hat sich im Laufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte stark verändert, ebenso wie sich das gesamte wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umfeld verändert hat.
Wer hätte vor Jahren und Jahrzehnten an einen Fall des Eisernen Vorhangs, eine Wiedervereinigung Deutschlands, oder an China als weltweite Wirtschaftsmacht geglaubt.
Stand am Anfang der staatlichen Kultusverwaltung Mitte des 19. Jahrhunderts, eher die Freiheit der Religionen und die Wahrung des Religionsfriedens im Mittelpunkt, so ist heute die Qualitätssicherung und Wertsicherung in Form der staatlichen Anerkennung der Kirchen und Religionsgesellschaften, wesentlich hinzugetreten.
Gerade für ihre Gemeinschaft ist dieser Aspekt von Bedeutung, wenn dies auch bei der Anerkennung durch meinen Vorgänger, den späteren Bundeskanzler Dr. Fred Sinowatz, noch nicht in dem Umfang abzusehen war, wie dies heute der Fall ist.
In einem Bereich, der den Menschen in seinem Wesenskern, in der Auseinandersetzung mit den Sinnfragen des Lebens, berührt, ist die Sicherung entsprechender Rahmenbedingungen in einer sich ändernden Welt wesentlich.
Der Ausgleich des Menschen in sich selbst und der Frieden für den einzelnen - dies ist (nicht nur im Sinne der abendländischen Aufklärung, sondern auch im buddhistischen Selbstverständnis!) niemals nur egoistischer Selbstzweck oder Ausdruck individualisierter Spiritualität, auch wenn heutzutage die Bildungs-Angebote der Selbstverwirklichung ebenso wie der Esoterik dies vermuten lassen.
Die "Formung des Geistes", muss immer auch als Basis für ein friedliches Zusammenleben ALLER Lebewesen bezeichnet werden.
So gesehen wird die geistige und spirituelle Weiterentwicklung jedes Einzelnen zur Grundlage der gesellschaftlichen Entwicklung "im Kleinen" - zu jenem Keim, aus dem erst eine Entwicklung "zum Wohle aller Lebewesen" entstehen kann.
Fortschrittliche Politik hat nicht nur die Gestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, also der materiellen Basis einer Gesellschaft im Focus. Fortschrittliche Politik hat die individuelle Entfaltung jedes Menschen zu ermöglichen.
Dabei gilt es, die Entwicklung jedes Individuums in einem größeren gesellschaftlichen Kontext zu sehen und gleichzeitig gilt es, diesen größeren Rahmen wieder als wesentliche Determinante der Entwicklungsbedingungen jedes Einzelnen zu erkennen. Es geht um eine Sichtweise, die als "ganzheitlich", "systemisch", "dialektisch", "vernetzt" oder "ACHTSAM" bezeichnet werden kann.
Ganzheitliches Denken ist gefragt, das nicht einfachen Schwarz-Weiss-Erklärungen und dualistischen Erklärungsmustern folgt, sondern komplexe Problemstellungen als Lernchancen begreift, die es mit vernetzten, interdisziplinären und unkonventionellen Herangehensweisen zu ergreifen gilt.
Vielleicht ist dies auch eine von jenen vielen Schnittflächen, wo sich der "buddhistische Übungsweg" und eine zeitgemäße Pädagogik und Bildungspolitik respektvoll und fruchtbar begegnen können und sollen.
Sie leisten durch ihre Arbeit und durch ihr Eintreten für den Ausgleich des Menschen in sich selbst und damit den Frieden für den Einzelnen und die Gemeinschaft, einen Beitrag zu einer positiven Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.
Ihre Wirkung reicht dabei über den religiösen und internen Bereich ihrer Religionsgesellschaft hinaus.
In diesem Sinn gratuliere ich Ihnen herzlich zu ihrem Jubiläum.
Labels: Claudia Schmied, Jubiläum, ÖBR, Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft