Feb 182012
 

David Loy übersandte uns nachfolgende autorisierte Übersetzung eines Textes, den er gemeinsam mit dem Ehrw. Bhikkhu Bodhi und Dr. John Stanley verfasst hat. Erstunterzeichner dieser Erklärung ist S.H. der XIV. Dalai Lama. Das englische Original kann hier eingesehen werden.

Dharma-Rad

Jetzt ist die Zeit zu Handeln

Eine Buddhistische Erklärung zum Klimawandel

Wir leben heute in einer Zeit der großen Krise und sind konfrontiert mit der größten Herausforderung, der sich die Menschheit je stellen musste: den ökologischen Konsequenzen unseres eigenen kollektiven Karmas. Der wissenschaftliche Konsens ist überwältigend: das menschliche Handeln führt zu einem weltweiten Zusammenbruch der natürlichen Lebensumwelt. Insbesondere die globale Erwärmung geschieht deutlich schneller als bislang vorhergesagt, am offensichtlichsten wird dies am Nordpol. Seit hunderttausenden von Jahren war der Arktische Ozean durch eine Eisschicht von der Größe Australiens bedeckt ⎯ aber jetzt schmilzt sie rapide. 2007 hat der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) vorhergesagt, dass die Arktis bis zum Jahr 2100 während der Sommermonate eisfrei sein könnte. Es wird jetzt klar, dass dies schon innerhalb von einer oder zwei Dekaden geschehen könnte. Grönlands riesiges Eisschild schmilzt ebenfalls schneller als erwartet. Der Meeresspiegel wird in diesem Jahrhundert um wenigstens einen Meter ansteigen ⎯ genug, um viele Küstenstädte und zentrale Reisanbaugebiete wie das Mekong-Delta in Vietnam zu überfluten.

Überall auf der Welt ziehen sich die Gletscher binnen kurzer Zeit zurück. Wenn die gegenwärtige Wirtschaftspolitik fortgesetzt wird, dann werden die Gletscher des Tibetischen Hochlands, Quelle der großen Flüsse, welche das Wasser für Milliarden von Menschen in Asien liefern, wahrscheinlich bis zur Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein. Schwere Dürreperioden und Missernten wirken sich heute schon in Australien und Nordchina aus. Bedeutende Berichte des IPCC, der Vereinten Nationen, der Europäischen Union und der internationalen Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen kommen zu der Feststellung, dass ⎯ ohne eine kollektive Richtungsänderung ⎯ schwindende Vorräte von Wasser, Nahrungsmitteln und anderer natürlicher Ressourcen bis zur Mitte des Jahrhunderts die Voraussetzungen für Hungersnöte, Verteilungskämpfe und Völkerwanderungen schaffen könnten. Gemäß dem Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats der britischen Regierung könnte dies schon 2030 der Fall sein.

Die globale Erwärmung spielt eine Hauptrolle in anderen ökologischen Krisen, einschließlich des Zurückgehens der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren, die diese Erde mit uns teilen. Ozeanographen berichten, dass die Hälfte des Kohlenstoffs, der durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre gelangt ist, durch die Meere absorbiert wurde und deren Säuregehalt um 30% erhöht hat. Die Versäuerung unterbricht die Kalkablagerung an Muscheln und Korallenriffs und bedroht das Planktonwachstum, welches der Beginn der Nahrungskette für fast alle maritimen Lebensformen ist.

Bedeutende Biologen und UN-Berichte stimmen darin überein, dass ein „Weiter-so-wie-bisher“ zum Aussterben der Hälfte aller Spezies auf der Erde noch in diesem Jahrhundert führen würde. Wir verletzen kollektiv das Erste Gebot ⎯ „Du sollst Lebewesen kein Leid zufügen“ ⎯ auf der größtmöglichen Skala. Und wir können die biologischen Konsequenzen für das menschliche Leben nicht vorhersehen, wenn so viele Spezies, die unsichtbar zu unserem eigenen Wohlergehen beitragen, vom Planeten verschwinden.

Viele Wissenschaftler sind zu dem Schluss gekommen, dass das Überleben der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel steht. Wir haben einen kritischen Moment in unserer biologischen und sozialen Evolution erreicht. Es gab in der Geschichte nie einen Zeitpunkt, an dem es wichtiger war, die Lehren des Buddhismus zum Nutzen aller Lebewesen anzuwenden. Die Vier Edlen Wahrheiten bieten einen Rahmen, um unsere aktuelle Situation zu diagnostizieren und angemessene Leitlinien zu formulieren ⎯ weil die Bedrohungen und Katastrophen, denen wir uns gegenüber sehen aus dem menschlichen Geist hervorgegangen sind und deren Überwindung daher tiefgreifende Änderungen in unserem Geist erfordern. Wenn persönliches Leid von Begierde und Unwissenheit herrührt ⎯ von den drei Giften der Gier, des Hasses und der Verblendung ⎯ dann gilt dasselbe für das Leid, das uns auf einem kollektiven Maßstab heimsucht. Unser ökologischer Notfall ist eine größere Version des ewigen menschlichen Dilemmas. Sowohl als Individuen als auch als Art leiden wir unter der Wahrnehmung eines unabhängigen Selbst, das sich getrennt fühlt nicht nur von anderen Menschen, sondern auch von der Erde selbst. Wie Thich Nhat Hanh gesagt hat, „Wir sind hier, um aufzuwachen aus der Illusion unseres Getrennt-Seins.“ Wir müssen erwachen und erkennen, dass die Erde sowohl unsere Mutter ist als auch unser Zuhause ⎯ und in diesem Fall kann die Nabelschnur, die uns mit ihr verbindet, nicht durchtrennt werden. Wenn die Erde krank wird, dann werden wir krank, weil wir ein Teil von ihr sind.

Unsere gegenwärtigen ökonomischen und technologischen Beziehungen zum Rest der Biosphäre sind nicht nachhaltig. Wenn wir die stürmischen Übergänge überleben wollen, die vor uns liegen, müssen wie unseren Lebensstil und unsere Erwartungshaltung ändern. Das erfordert neue Gewohnheiten ebenso wie neue Werte. Die buddhistische Lehre, nach der die Gesundheit des Individuums und der Gesellschaft insgesamt von innerem Wohlergehen abhängt und nicht nur von ökonomischen Indikatoren, hilft uns herauszufinden, welche persönlichen und sozialen Veränderungen wir herbeiführen müssen.

Als Individuen müssen wir Verhaltensweisen erlernen, die das alltägliche ökologische Bewusstsein vergrößern und unsere persönliche CO2-Bilanz verbessern. Diejenigen unter uns, die in entwickelten Ökonomien leben, müssen ihre Häuser und Arbeitsstätten isolieren und auf bessere Energieeffizienz umrüsten; wir müssen die Thermostate im Winter niedriger einstellen und im Sommer höher; wir müssen hocheffiziente Lichtquellen und Geräte einsetzen; wir müssen unbenutzte technische Geräte ausschalten; wir müssen die sparsamsten Autos fahren und unseren Fleischkonsum reduzieren zugunsten einer gesunden, umweltfreundlichen Nahrung auf Pflanzenbasis.

Diese persönlichen Aktivitäten alleine werden nicht ausreichen, um zukünftiges Unheil abzuwenden. Wir müssen auch auf institutioneller Ebene Änderungen vornehmen, sowohl technologische als auch ökonomische. Wir müssen unsere Energiesysteme so schnell wie möglich auf eine CO2-neutrale Basis stellen, indem wir fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien ersetzen, die unbegrenzt, gutartig, und in Einklang mit der Natur sind. Insbesondere müssen wir den Bau neuer Kohlekraftwerke stoppen, da Kohle die bei weitem am meisten verschmutzende und gefährlichste Quelle atmosphärischen Kohlendioxids ist. Weise eingesetzt können Windkraft, Solarenergie, Gezeitenkraft und Geothermie all die Elektrizität bereitstellen, die wir brauchen, ohne die Biosphäre zu schädigen. Da bis zu einem Viertel der weltweiten Kohlendioxidemissionen auf Abforstung zurückzuführen sind, müssen wir den Trend der Zerstörung des Waldes umkehren, insbesondere im lebenswichtigen Regenwaldgürtel, wo die meisten Pflanzen- und Tierarten leben.

Es ist in jüngster Zeit recht offensichtlich geworden, dass auch an der Struktur unseres Wirtschaftssystems tiefgreifende Änderungen notwendig sind. Die globale Erwärmung ist aufs Engste verknüpft mit den gigantischen Energiemengen, welche unsere Industrien verbrauchen, um jenes Ausmaß an Konsum zu ermöglichen, an das sich viele von uns heute gewöhnt haben. Aus buddhistischer Perspektive wäre eine vernünftige und nachhaltige Ökonomie geleitet vom Prinzip der Genügsamkeit: der Schlüssel zum Glück ist Zufriedenheit statt ein sich immer weiter vergrößernder Überfluss an Gütern. Der Zwang, immer mehr und mehr zu konsumieren ist ein Ausdruck von Gier, desjenigen Geistesfaktors, den der Buddha als Wurzel des Leidens identifiziert hat.

Anstelle einer Ökonomie, die Profite betont und ständiges Wachstum braucht um ihren Zusammenbruch zu vermeiden, müssen wir uns gemeinsam in Richtung einer Ökonomie entwickeln, die einen hinreichenden Lebensstandard für alle ermöglicht und uns erlaubt, unser volles Potential (einschließlich des spirituellen) zu entwickeln in Harmonie mit der Biosphäre, die alle Wesen erhält und nährt, einschließlich der kommenden Generationen. Wenn unsere politischen Führer unfähig sind, die Dringlichkeit unserer globalen Krise zu erkennen, oder wenn sie nicht willens sind, das langfristige Wohl der Menschheit über das kurzfristige Wohlergehen der Erdölfirmen zu stellen, kann es notwendig werden, sie mit fortgesetzten Bürgerinitiativen auf den rechten Weg zu bringen.

Dr. James Hanson von der NASA und andere Klimatologen haben vor kurzem genaue Ziele definiert, die notwendig sind, um zu verhindern, dass die globale Erwärmung den katastrophalen „Umschlagpunkt“ erreicht. Damit die menschliche Zivilisation dauerhaft bestehen kann, darf eine Obergrenze von 350 Partikeln pro Million (ppm) Kohlendioxid in der Atmosphäre nicht überschritten werden. Dieser Wert wird vom Dalai Lama, sowie anderen Nobelpreisträgern und anerkannten Wissenschaftlern unterstützt. Unsere gegenwärtige Situation ist besonders besorgniserregend, da der gegenwärtige Wert schon bei 387 ppm liegt und um 2 ppm pro Jahr ansteigt. Wir sind daher herausgefordert, nicht nur unseren CO2-Ausstoß zu verringern, sondern auch große Mengen von Kohlendioxid, das heute schon in der Atmosphäre ist, von dort zu entfernen.

Als Unterzeichner dieser Erklärung buddhistischer Prinzipien erkennen wir die dringliche Herausforderung des Klimawandels an. Wir schließen uns dem Dalai Lama an in der Unterstützung des 350 ppm Ziels. In Übereinstimmung mit buddhistischen Lehren nehmen wir unsere individuelle und kollektive Verantwortung an, zu tun was immer wir können, um dieses Ziel zu erreichen, einschließlich (aber nicht beschränkt auf) die persönliche und soziale Verantwortung, die oben beschrieben worden ist.

Wir haben ein kurzes Zeitfenster um zu handeln, um die Menschheit vor dem bevorstehenden Desaster zu bewahren und um unseren Teil zu tun für das Überleben der vielen unterschiedlichen und schönen Lebensformen auf der Erde. Zukünftige Generationen und die anderen Arten, die die Biosphäre mit uns teilen, haben keine Stimme, mit der sie um unser Mitgefühl, unsere Weisheit und unsere Führungsstärke bitten könnten. Wir müssen auf ihr Schweigen hören. Wir müssen auch ihre Stimme sein und in ihrem Namen handeln.

  2 Antworten zu “Eine buddhistische Erklärung zum Klimawandel”

Kommentare (2)
  1. we have only this one erath to survive – we need to act now before it´s too late

  2. Love thy neighbor, love our beautiful planet…as yourself. Thank you Michael for posting this concise statement. It does seem like we have some common genes governing our outlook.
    Hallelujah!

 Antworten

Sie können diese HTML Tags und Attribute benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

(required)

(required)