19. Oktober 2009

Buchrezension: Creating a Transparent Democracy: A New Model von Shamar Rinpoche



"Creating a Transparent Democracy: A New Model" ist ein Entwurf eines utopischen, idealtypischen Staates, der mit dem alten Tibet genau gar nichts gemeinsam hat. Ganz im Gegenteil: An mehreren Stellen des Buches kritisiert der Autor Shamar Rinpoche ("Shamarpa") das tibetische Feudalsystem so schonungslos, wie nur wenige andere hohe Lamas vor ihm. Er warnt vor jeglicher Verbindung von Religion und Staat, da diese nur Korruption und Machtmißbrauch fördert, und er wartet dazu auch mit drastischen Beispielen auf, wie etwa der systematischen Verwendung von Samayas (tantrischen Gelübden) als Mittel zur Unterdrückung eines ganzen Volkes. Die Schlußfolgerungen, die er daraus zieht sind nicht minder konsequent: in Shamarpas idealem Staat sind Religionsführer automatisch von Staatsämtern ausgeschlossen.

Seine Staatsutopie selbst wirkt für europäisch sozialisierte Menschen wahrscheinlich etwas seltsam. Shamarpa nimmt sich die Freiheit eine ideale und radikale Demokratie zu entwerfen. Wäre Shamarpa ein deutscher oder russischer Philosoph aus dem 19. Jahrhundert, so stünde er in der Tradition vieler radikaler sozialistischer und anarchistischer Denker dieser Ära, zumindest macht die Lektüre seines Buches einen solchen Eindruck. Seine Ziele sind die maximale politische Partizipation aller Menschen, die Vermeidung von Korruption und politischer Propaganda, die Dezentralisierung von Macht und die völlige Transparenz politischer Prozesse. Sein Staatsmodell besteht aus sieben Verwaltungebenen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten, wobei die wichtigsten Träger politischer Verantwortung die gewählten Repräsentanten der einzelnen Dörfer (mit je etwa 1.000 Einwohnern) sind.

Man hat allerdings den Eindruck, daß nicht alle Maßnahmen zur Verwirklichung seiner Ziele sehr konsequent durchdacht sind. Zum Beispiel soll jeder Bürger das Recht haben, Verfassungsänderungen anzuregen und diese müssen auch zur Abstimmung gebracht werden, wenn mindestens 10% der Wahlberechtigten eine schriftliche Unterstützungserklärung (mit beigefügter Ausweiskopie) einschicken. Im heutigen Indien (Shamarpas Exilwohnsitz) wären das mehrere -zig millionen Briefe, die dann von einer Kommission ausgewertet werden müssten - kein besonders realistischer Vorschlag, nicht einmal für ein Land mit ausgeprägter Bürokratie. Auch sein Verbot politischer Propaganda bleibt wohl folgenlos, denn wer soll darüber richten, wo die ehrliche politische Argumentation (die er sich wünscht) endet und wo die Propaganda beginnt.

Es ist also, wie gesagt, ein seltsames Buch. Aber Shamarpa selbst versteht es als Denkanstoß und als solcher ist es auch durchaus interessant zu lesen. Es ist immerhin zu würdigen, wenn jemand im 21. Jahrhundert den Mut besitzt, eine frische politische Utopie zu entwickeln, deren Ziel es ist, die Menschen zu emanzipieren und am Staatsleben zu beteiligen. Es sollte mehr solche Bücher geben, nicht nur von alten Deutschen und alten Russen...




Über den Autor:
Der 14. Shamarpa Künsig Shamar Mipham Chökyi Lodrö wurde 1952 in Tibet geboren und gilt als zweithöchster Lama der Karma Kagyü Linie des Tibetischen Buddhismus. Auch die früheren Reinkarnationen der Shamarpas waren dafür bekannt bisweilen Querdenker zu sein und trugen in der Geschichte einige Konflikte mit der offiziellen tibetischen Staatsgewalt und den Dalai Lamas aus. So marschierte etwa der 10. Shamarpa als Höhepunkt einer Auseinandersetzung mit dem Dalai Lama im 18. Jahrhundert gemeinsam mit der nepalesischen Armee in Tibet ein. Der Angriff wurde mit chinesischer Hilfe zurückgeschlagen und der Dalai Lama verbot die Auffindung weiterer Reinkarnationen der Shamarpas. Dieser Bann wurde erst 1963 durch den derzeitigen Dalai Lama wieder aufgehoben.
Der 14. Shamarpa wurde im Westen vor allem durch seine Rolle im Konflikt um die Auffindung des 17. Karmapa im Westen bekannt, in dem er - im Gegensatz zum Dalai Lama - auf der Seite von Thaye Dorje steht. Darüber hinaus reist er als buddhistischer Lehrer um die Welt und lehrt sowohl an den Diamantwegs-Zentren von Lama Ole Nydahl als auch an den von ihm selbst gegründeten Bodhipath-Zentren.

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04. Mai 2009

14.5. Buddhismus-Einführungskurs IV: Tibetischer Buddhismus

Weiter geht es mit Teil IV:

am Donnerstag, 14. Mai 2009
um 19 Uhr
im SPÖ Wien Bildungszentrum, II., Praterstraße 25

Thema: Tibetischer Buddhismus
Referentin: Anna Potyka

In diesem Teil unseres Kurses geht es um den Tibetischen Buddhismus (auch Lamaismus, Mantrayana, Vajrayana, Diamantweg oder Diamantenes Fahrzeug genannt). Der Tibetische Buddhismus ist außer in Tibet auch in Bhutan, Nepal, China, der Mongolei, Russland (Burjatien und Kalmückien) und Nordindien verbreitet.

Referentin des Abends ist Anna Potyka von Karma Kagyü Österreich.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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