Im Internet kursiert seit Langem eine angebliche Buddha-Lehrrede, die mit den Worten "Der Sohn des Kesa aus Kalamo (...)" beginnt und mit der Quellenangabe "Anguttara Nikaya I, 174" endet. Leider haben auch wir für unseren Red Buddha Flyer nicht ausreichend recherchiert und diesen Text übernommen. Es wird nicht wieder vorkommen.
Aber nochmals von vorne:
Die Geschichte beginnt damit, daß das erste Buch der Lehrreden-Sammlung "
Anguttara Nikaya" (die "Angereihte Sammlung" aus dem "Sutta Pitaka", dem "Korb der Lehrsätze" des Pali-Kanon) - je nach Zählung - entweder 20 oder 37 Abschnitte hat, aber jedenfalls keine 174. Im ersten Buch des Anguttara Nikaya findet sich auch an anderer Stelle keine Lehrrede, die auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der gesuchten Stelle hat.
Wenn man etwas tiefer gräbt, wird man allerdings bald fündig:
Im Anguttara Nikaya III, 66 findet man zwar noch immer keinen "Sohn des Kesa aus Kalamo", aber immerhin die "Kalamer aus Kesaputta", die mit dem Buddha eine bemerkenswerte Unterhaltung führen. Dieses Sutra wird nämlich oft als Beleg zitiert, daß der Buddhismus eine Weltanschauung ist, die die Eigenverantwortlichkeit betont und Autoritätshörigkeit ablehnt. Die gefälschte Version geht allerdings noch weiter, indem sie diesen Text verballhornt und zum Teil sogar in sein Gegenteil verkehrt.
Hier die entscheidenden Passagen in beiden Versionen:
Die gefälschte Version:«Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin; glaube nicht an Überlieferungen, weil sie alt und durch viele Generationen bis auf uns gekommen sind; glaube nichts auf Grund von Gerüchten, oder weil die Leute viel davon reden; glaube nicht, bloß weil man dir das geschriebene Zeugnis irgend eines alten Weisen vorlegt; glaube nie etwas, weil Mutmaßungen dafür sprechen oder weil langjährige Gewohnheit dich verleitet, es für wahr zu halten; glaube nichts auf die bloße Autorität deiner Lehrer und Geistlichen hin.
Was nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit deiner Vernunft übereinstimmt und zu deinem eigenen Wohle und Heile wie zu dem aller anderen Wesen dient, das nimm als Wahrheit an und lebe danach.»(Diesfalls gefunden auf der Website
http://www.here-now4u.de/wilber.htm)
Die "seriöse" Übersetzung:«Geht, Kalamer, nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber, Kalamer, selber erkennt: 'Diese Dinge sind unheilsam, sind verwerflich, werden von Verständigen getadelt, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Unheil und Leiden', dann o Kalamer, möget ihr sie aufgeben.
(...)
Wenn ihr aber, Kalamer, selber erkennt: 'Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von den Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl', dann, o Kalamer, möget ihr sie euch zu eigen machen.»(Übersetzung von Nyanatiloka, entnommen der Website
http://www.palikanon.com/angutt/a03_062-066.html#a_iii66)
Es fällt auf, daß der gefälschte Text offensichtlich für westliche Leser "entschärft" wurde. Der Grundtenor ist zwar nicht ganz falsch, jedoch nimmt das Original ausdrücklich Bezug darauf, ob die Dinge "von den Verständigen gepriesen" oder "getadelt" werden. Statt "Verständiger" könnte man hier wohl auch "Lehrer" oder "Weiser" einsetzen. Es kommt also nicht
ausschließlich auf das eigene Urteil an sondern
auch darauf, was ein "Verständiger" dazu meint. Der Unterschied ist wichtig, denn im Buddhismus spielt der Lehrer eine wesentliche Rolle. Er kann und soll einem zwar die Arbeit an der eigenen Entwicklung (oder auch die Beurteilung, ob etwas "heilsam" oder "unheilsam" ist) nicht abnehmen, aber er kann dabei helfen. Und genauso ist diese Passage wohl gemeint.
Ein interessanter Nebenaspekt ist auch, daß die gefälschte Version ausdrücklich Bezug auf das
eigene "Wohl und Heil" nimmt, was im buddhistischen Kontext zwar nicht ganz falsch ist, aber als Hinzufügung zum Text anscheinend auch den Zweck verfolgt, ihn zu entschärfen oder für unbedarfte Leser "besser verdaulich" zu machen.
Wer diese Fälschung erstellt hat und vor allem, warum er oder sie das tat, konnte ich noch nicht eruieren. Es scheint sich aber um eine rein deutschsprachige Version zu handeln. Einen bloßer Übersetzungsfehler halte ich für ausgeschlossen, denn solche Weglassungen und Hinzufügungen passieren nicht zufällig. Außerdem deutet die komplett falsche Quellenangabe auf Absicht hin.
Abschließend noch ein Hinweis:
Hier findet man eine ausführliche Diskussion des Sutras durch
Bhikkhu Bodhi und insbesondere auch des Kontexts, in dem Buddha die Aussagen getätigt hat. Eine weitere Schwachstelle der Fälschung besteht nämlich darin, daß das Original bis zur Unkenntlichkeit gekürzt wurde. Es ist tatsächlich nicht unerheblich, in welchem Kontext ein Buddha-Zitat steht, wer die Frage gestellt hat und worauf sich die Antwort eigentlich bezog. Sonst hat die Antwort nämlich nicht mehr Wert als "
42"... :-)
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