02. Mai 2008

"Gott behüte!" - Buchbesprechung und Einladung zur Diskussion am 9.6.

Der Journalist und Autor Robert Misik zeichnet in seinem neuesten Buch "Gott behüte! - Warum wir die Religion aus der Politik raushalten müssen" ein düsteres Bild der drei Buchreligionen und insbesondere ihrer Rolle in Staat und Gesellschaft. Er analysiert scharfsinnig, warum Religionen, die sich auf einen allmächtigen Gott berufen, ihrem Wesen nach nicht demokratisch und aufklärerisch sein können, er fragt sich, warum eigentlich der Kirche ein so hoher Stellenwert in "moralischen Fragen" eingeräumt werde und wodurch dieser gerechtfertigt sei und er postuliert, daß man kein religiöser Mensch sein muß, um zu moralischem und ethischem Handeln fähig zu sein - ganz im Gegensatz zu dem, was uns Religionsführer immer einreden wollen.

Detailreich und durch viele Zitate gestützt widmet er sich dem Koran und der Bibel und argumentiert überzeugend, daß man aus ein und demselben Buch völlig widersprüchliche Handlungsanweisungen herauslesen kann - und dies zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Gelegenheiten auch geschehen ist. Das Christentum könne etwa mit gutem Recht behaupten, daß das Neue Testament ein Buch des Friedens und der Nächstenliebe sei - aber auch die Kreuzzüge und die gewalttätige Evangelisierung der südamerikanischen Ureinwohner seien damit jederzeit zu rechtfertigen. Für den Koran und das Alte Testament gilt laut Misik Ähnliches.

Insbesondere die These, daß der Aufstieg des politischen Islam innerlich auch die Herzen westlicher Kirchenmänner höher schlagen läßt, verdient meiner Meinung nach Beachtung - denn aus der Radikalisierung des Islam schöpfen auch christliche Fundamentalisten neue Hoffnung. Der - über weite Strecken konstruierte - Gegensatz zwischen "dem Islam" und "dem Christentum" gibt nämlich auch den christlichen Religionen wieder eine Wichtigkeit und Aufmerksamkeit, die sie schon lange nicht mehr hatten und laut Misik auch nicht verdienen - der Aufstieg der Evangelikalen in den USA, die Debatte um das sogenannte "Intelligent Design" oder um die Kreuze in den Klassenzimmern sind laut Misik Symptome für eine zunehmende Identifikation über eine Religionszugehörigkeit, die zumindest in Europa für die meisten Menschen schon mehr oder minder bedeutungslos war.

Es ist ein provokantes Buch, das da im - teilweise etwas zu - lockeren Plauderton daherkommt. An manchen Stellen macht es einen etwas oberflächlich redigierten Eindruck (etwa wenn Zitate mehrmals hintereinander wiederholt werden), und an einem Punkt bricht Misik eine wichtige Argumentationskette aus unerklärlichen Gründen plötzlich ab: Er erläutert sehr ausführlich, warum Staat, Gesellschaft und Religion im Islam praktisch nicht zu trennen sind - und zieht dann keine Konsequenzen daraus für seine Beurteilung. Er schert also Islam und Christentum über einen Kamm (das Judentum bleibt dabei weitgehend ungeschoren), um seine Hauptthese zu untermauern: Religion und Politik vertragen sich nicht; und nicht nur das: die Gesellschaft wäre ohne Religionen (und ihrer Unterscheidung in "Gläubige" und "Ungläubige", "wir" und "sie") besser dran als mit ihnen.

Misik drückt sich allerdings um eine wichtige Frage herum: Warum sind Menschen eigentlich religiös (oder spirituell)? Die organisierten Kirchen mit ihren Hierarchien, Glaubenswahrheiten und Absolutheitsansprüchen sind ja - zumindest zum Teil - nur der organisatorische Ausdruck der Sehnsucht nach jenen Antworten, die uns die Wissenschaft - noch? - nicht geben kann: Wer bin ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn meiner Existenz? So lange also für die meisten Menschen in unseren Breiten hauptsächlich die monotheistischen Religionen auf diese Fragen befriedigende Antworten liefern, so lange werden wir wohl mit ihnen auch in Gesellschaft und Politik weiter umgehen müssen. Wie sich das ändern ließe, darauf hat auch Misik keine Antwort - oder zumindest sagt er sie uns nicht...

Wer mit Robert Misik darüber diskutieren möchte ist herzlich dazu eingeladen: er hat zugesagt, zum Red Buddha Plenum

am Montag, 9. Juni 2008
um 19 Uhr
im Sitzungssaal der SPÖ Wien, I., Löwelstraße 18 (Gasseneingang links neben der Buchhandlung)

zu kommen und mit uns über seine Thesen zu plaudern!

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